Filmtipp für Leute Ü30- „Another year“ von Mike Leigh

Leute in der zweiten Lebensmitte auf der Suche nach dem Glück.
„Another year“ von Mike Leigh jetzt auf DVD.

Eine Filmkritik von unserer Autorin Claudia Clasen …
 
 

„Schwarz-Weiß-Malerei“:

„Another year“ spielt über den Zeitraum eines Jahres in einem Londoner Vorort. Polarisierend zwischen Zufriedenheit und Verzweiflung thematisiert der Film, wie sich das Leben jenseits der Lebensmitte anfühlen kann. Der britische Regisseur Mike Leigh („Vera Drake“, „Happy-go-Lucky“) zeigt in seinem Programm-Film Menschen wie die gut aussehende, aber stets überdrehte Mary (Lesley Manville), Anfang 50, die nach einer gescheiterten Ehe nun verzweifelt versucht, wieder einen Partner zu finden und dabei oftmals zu tief ins Glas schaut. Aber der junge Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlt, lässt sie elegant ins Leere laufen. Und der ältere, übergewichtige, zu Ess- und Alkoholattacken neigende Ken (Peter Wight), der seinerseits Interesse an ihr zeigt, ist nun leider gar nicht ihr Fall. So sitzen die beiden unglücklich nebeneinander, jeder eingesponnen im Kokon seiner Einsamkeit, im Garten ihrer glücklichen Freunde, die das genaue Gegenteil verkörpern:

Das ältere Ehepaar Tom und Gerry, das sich anscheinend niemals streitet, und das die geknickten Singles um sich herum mit Einladungen in ihr trautes Heim und langen, um nicht zu sagen langweiligen Dialogen beglückt.

Spießbürgerliche Idylle contra depressives Single-Dasein

Mike Leigh betreibt in „Another year“ eine Milieu-Analyse der Londoner Mittelschicht, was einige Kritiker anscheinend dazu verleitet, dem Film am liebsten das „Prädikat-Wertvoll“ aufdrücken zu wollen.

Dabei wirken seine Figuren wie aus einem Marionetten-Theater, starr ihren Rollen verhaftet: Entweder leben sie ein beschaulich harmonisches Eheleben oder verharren in ihrem tristen Single-Dasein.

Man kann es kaum glauben, dass dieses ältere Ehepaar, eine Psychologin (Ruth Sheen) und ihr Ehemann, ein Geologe (Jim Broadbent), nach all den Jahren immer noch in seiner heilen Welt lebt, Tomaten züchtend gemeinsam im eigenen Garten arbeitet und dabei nicht den Hauch einer kleinen Auseinandersetzung erlebt. Nur um sie herum wütet die Depression. In Leinwandgroßeinstellungen zeigt der Film immer wieder die vor Einsamkeit tieftraurigen, verbissenen, frustrierten Gesichter der anderen. Als gäbe es keine Freude mehr, keine Hoffnung, keinen Neuanfang, wenn man es jenseits der 50 nicht geschafft hat, sich eine heile, kleinbürgerliche Familien-Idylle zu erhalten. Als bliebe einem nur noch der Griff zur Flasche oder zu Tabletten.

„Nichts ändert sich“

Mike Leigh scheint das Leben statisch wahrzunehmen: die Glücklichen bleiben glücklich, die Traurigen bleiben traurig. Davon sind auch die in einer unglücklichen Beziehung Lebenden nicht ausgenommen. Bereits der Anfang des Films verrät diese trostlose Haltung: Er beginnt mit der Großeinstellung eines verkniffenen, verzweifelten Gesichts einer verheirateten Ü-50-Jährigen, die von der Psychotherapeutin ein Schlafmittel möchte. „Auf einer Glücklichkeitsskala von 1 bis 10, wo würden Sie sich einordnen?“ fragt die Therapeutin. „Bei eins!“ „Da haben wir ja noch viel Spielraum zur Veränderung nach oben“, versucht die Therapeutin aufzumuntern. Das Gesicht der Frau bleibt düster: „Es ändert sich nichts. Es ändert sich überhaupt nichts!“ Und so blubbert dieser Film über 129 Minuten im Wechsel der Jahreszeiten vor sich hin, in denen die einzige Veränderung darin besteht, dass der 30jährige Sohn des „Tom-und-Gerry-Ehepaares“ endlich eine passende Freundin findet. Für alle anderen, die Ü-50-Jährigen, scheint das Leben nur noch zu stagnieren, und in der Flucht in Essen und Trinken zu bestehen (was in diesem Film ausgiebig betrieben wird).

ThirtyUp-Fazit:

Sollten Sie sich gerade in einer Lebenskrise befinden oder frisch getrennt sein, ist „Another year“ nicht unbedingt empfehlenswert. Denn Aussichten auf ein neues Leben scheint es hier nicht zu geben. Der Zuschauer ahnt am Ende: Ohne Unterschied wird sich ein Jahr an das nächste reihen, und es wird einfach nur – ein anderes Jahr sein.

Beim Gartenfest kümmert sich Tom (Jim Broadbent) fürsorglich auch um die kleinsten Gäste. © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH

Beim Gartenfest kümmert sich Tom (Jim Broadbent) fürsorglich auch um die kleinsten Gäste. © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH

Die DVD ist seit Juni 2011 im Handel erhältlich

Offizielle Seite zum Film: http://www.anotheryear-movie.com/

Trailer in deutsch: http://www.moviepilot.de/movies/another-year/trailer

Bildrechte: © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH

Text: C. Clasen, Redaktion: C. Prang


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