Benimm Dich: Heiße Diskussionen um Stil & (N)Etikette für Internet-User

1788 erschien erstmals das Werk  des deutschen Schriftstellers Adolph Freiherr Knigge „Über den Umgang mit Menschen“. Heute steht „der Knigge“  schlicht für gute Umgangsformen.

Nicht nur für Kleidung oder Begrüßungsformeln gilt der Knigge. Der moderne Mensch kann Stil- & Etikette-Tipps sogar im Internet nutzen, um Fettnäpfchen zu vermeiden. Vom Knigge zur Netiquette: Wie man sich in der virtuellen und realen Welt am besten bewegt. Hier einige Fundstücke unseres Netzstreifzuges…

Regeln des Umgangs – mehr als reine Höflichkeit

Knigges Umgangsregeln wurden seit Ersterscheinung immer wieder von unterschiedlichen Autoren umgeschrieben. Ursprünglich verband Knigge sein Werk mit Regeln des gesellschaftlichen Umgangs zwischen verschiedenen Gruppen. Seine Umgangsregeln sollten auf Moral und Weltklugheit aufbauen. Menschen schulden einander guten Umgang und sind moralisch dazu verpflichtet – eine Einstellung, die auf der Idee der Aufklärung beruhte.

Mit Etikette, so Wikipedia, hat dies jedoch nicht zwingend etwas gemein. Handelt die Etikette doch von Umgangsformen, die nur dem Zwecke der Höflichkeit und der Darbietung offizieller Förmlichkeiten dienen.

Die Beachtung von Benimm- oder Umgangsregeln dagegen gilt im modernen gesellschaftlichen Miteinander fast als ungeschriebenes Gesetz. Ob aus Anstand, Höflichkeit oder aus dem Wunsch heraus, gesellschaftlich akzeptiert zu werden, setzen wir bei Umgangsformen immer auf die guten, nicht die schlechten Verhaltensweisen. Ob dies immer gelingt, sei dahingestellt.

Viele Spielarten von Etikette haben sich entwickelt. Sowohl im Geschäftsleben, als auch im Privaten, für den Gebrauch im In- oder Ausland, online oder offline. Doch guter Umgang will gelernt sein, ob im realen oder virtuellen Leben.

Regeln für soziales Netzwerkeln

Der Deutsche Knigge-Rat hat dazu allerlei Tipps verfasst. Zum Beispiel für das Berufsleben (Anrede in Anschreiben, Tischsitten & Kommunikation z.B. bei Bewerbungsgesprächen).  Mit seinem 12-Punkte-Kodex für das Social-Web reagierte der Rat auf die Forderung von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner nach einem Kodex für den Umgang in sozialen Netzwerken. Die Regeln scheinen auf den ersten Blick sehr vernünftig und zweckmäßig: 1. Favorisierte Netzwerke sorgsam auswählen 2. Authentisch bleiben 3. Plumpe Vertraulichkeiten meiden 4. Unerwünschte Anfragen ablehnen 5. Kontakte nicht belästigen 6. Freundlich bleiben 7. Humorvoll reagieren 8. Dialog lebendig halten 9. Weitblick behalten 10. Trolle ausschließen (im Business: 11. Empfehlungen geben 12. Aufdringliche Werbung vermeiden).

Vieles klingt selbstverständlich, doch ist es wirklich ganz so einfach?

Gut gemeinter Rat: „Zuerst denken, dann schreiben“.

Mit diesem Leitsatz in der aktuellen Pressemitteilung des Deutschen Knigge-Rats macht man sicher nichts verkehrt, angesichts der These „Das Web vergisst nichts.“ Gehaltvoll(er) und kritisch befasst sich der Beitrag von Jakob Jochmann (Mitbegründer und Herausgeber der Kontextschmiede) mit den aufgestellten Regeln. Sie seien Allgemeinplätze, die letztlich im Zusammenspiel kaum funktionieren.

Fragen bleiben beim Kodex zurück: Lassen sich soziale Netzwerke danach auswählen, ob man geschäftlich oder privat agiert? Vermischt die virtuelle Persona, die man darstellt, nicht insbesondere bei all denjenigen zusehens, die sich im Netz zu ihrer eigenen Marke stilisieren? Wie kann der geneigte Leser da noch zwischen Authentizität und geplanter Vermarktungsstrategie unterscheiden?

Virtuelle Person(en): Kommunikation im Netz zusammenführen

Fakt ist, dass man sich bei allen Äußerungen im Netz seiner Omnipräsenz bewusst sein muss. Entscheiden muss jeder Nutzer letztlich selbst, welche Informationen er der Welt preisgeben will oder nicht – eine Vorauswahl zu treffen nach vorwiegend privat oder beruflich genutzten Netzwerken scheint da fast wie vertane Liebesmüh. Gerade den Viel-Surfern  (Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) versucht man zu verdeutlichen, sich der Vielschichtigkeit im Netz bewusst zu werden und zu verstehen, welchen Einfluss das auf die Virtual Persona hat ( „Tips for Teans – Creating a Positive Virtual Persona“).

Fazit:

Regeln für einen stilvollen, wertschätzenden und angemessenen virtuellen Umgang miteinander sind sinnvoll. Wie und wo man diese anwendet und mit welchem Ziel, das sind Entscheidungen, die einem niemand abnehmen kann. Manchmal reicht vielleicht der Gedanke: „Würde ich im realen Leben auch so mit meinen Mitmenschen kommunizieren?“

Ein Sketch der englischen Comedy-Gruppe „Idiots of Ants“ über „Facebook in real life“ (bereits aus dem Jahr 2008) setzt sich genau damit auseinander. Wie wäre es, wenn man den gesellschaftlichen Umgang in sozialen Netzwerken wie Facebook ins wahre Leben übertragen würde?  Das Video auf Youtube wurde bis heute bereits von über 3,5 Mio. Usern angeklickt.

Wozu also hat der mündige Mensch Verstand?  Hier schließt sich der Kreis zum Freiherrn Knigge, dessen Thesen durch die Aufklärung geprägt sind. Jener Zeit, die die Vernunft als Prämisse für moralisch wertvolles und gesellschaftlich gebotenes Handeln sah. Also doch ein Zurück zu alten Werten. Wie gut, der Mensch ist (weitestgehend) selbstbestimmt und kann sich für das (für ihn) Richtige entscheiden.

Schon gelesen?
Weitere Links:

Bildquelle: Henry Schmitt – Fotolia.com


Kommentare und Pings sind im Moment nicht möglich.

3 Kommentare zu “Benimm Dich: Heiße Diskussionen um Stil & (N)Etikette für Internet-User”

  1. Ach ja, wenn unsere Gesellschaft doch die Benimmregeln nur ein klein wenig besser beachten würde.
    Vielen Dank für diesen richtig guten Bericht

  2. @ Markus
    Da hast Du recht. Viel zu oft vergessen wir, dass E-Mails oder auch SMS (zu) viel Spielraum für Interpretationen lassen. Da kommt es schnell zu Missverständnissen. Und oft ist (trotz Internet, Handy & Co.) die gute „alte“ Kommunikation auf direktem Wege, persönlich oder per Telefon, gerade auch bei „brenzligen“ Inhalten der bessere Weg;-).
    Danke für Deinen Kommentar, die Redaktion

  3. Markus sagt:

    Moin, moin,

    zu dem Thema „Erst denken, dann schreiben“ gibt es auch noch ein paar Ergänzungen als Tipp, die auch sehr einfach und platt erscheinen, aber mir im Alltag immer wieder auffallen, nämlich dann, wenn sie nicht beherzigt wurden:
    „Erst (richtig) lesen, dann denken.“ Man glaubt gar nicht wie viele Mails sich erledigen würden, wenn man zuvor richtig gelesen hätte, was der andere schreibt.

    Und eine abgewandelte alte Bundeswehrregel, die im schnellen Lesen-Antworten-Spiel des elektronischen Schriftverkehrs oft vergessen wird: Erst am nächsten Tag auf etwas Negatives antworten. Manchmal erübrigt sich eine Antwort oder sie fällt wesentlich „sozialer“ oder sachlicher aus, wenn man mal etwas zeitlichen Abstand gewinnt.

    In dem Sinne – bis morgen
    Der Markus

Gefällt Dir Thirty-Up-Magazin? Dann folge uns! :-)